Kriegstraumata und ihre Folgen in der Pflege

Spannender Vortrag von Gesundheitswissenschaftler Dr. Udo Baer im Franziskus-Hospiz Hochdahl

12.06.2019

Über die besonderen Kriegstraumata, die selbst 74 Jahre nach Kriegsende heftig nachwirken, referierte Dr. Udo Baer am 6. Juni im gut gefüllten Bildungsraum des Franziskus-Hospizes Hochdahl (FHH). Das fanden die 65 Hospizbesucher sehr spannend, was auch die Anschlussdiskussion zeigte. Das FHH und das katholische Bildungswerk Mettmann hatten Udo Baer eingeladen, weil auch in der Pflege die Wirren des Krieges – vor allem am Lebensende – geballt zutage treten und Pflegende unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen.

Heutzutage wird das Wort „Trauma“ oft inflationär benutzt. So etwa, wenn Fußball-Fans vom Trauma des MSV -Abstieges reden. Das ist jedoch kaum der Sinn, den Dr. Udo Baer mit „Trauma“ verbindet. Der Duisburger Gesundheitswissenschaftler folgt dem altgriechischen Wort „trauma“ im Sinne einer Wunde, die nachhaltig das Leben prägt. Laut aktuellen Studien leiden rund 2/3 der Menschen über 75 Jahre in Deutschland an den traumatisierenden Erlebnissen des Zweiten Weltkrieges. Die Traumata kommen im hohen Alter häufig ohne Vorankündigung zum Vorschein – ob durch Gerüche, Geräusche oder Bilder ausgelöst. Jeder Mensch hat seine Art, mit Kriegserfahrungen umzugehen, manche schweigen, anderen reden eher darüber. Oft sind es unscheinbare Anzeichen – auch bei pflegebedürftigen Menschen: ein paar stramme Schritte des Pflegepersonals im Altenheimflur, schon werden Erinnerungen wach an den Rhythmus von Soldatenstiefeln, die sich beängstigend nähern. Andere gehen auf Tauchstation, sobald sie ein Sommergewitter hören, weil es den erlebten Bombenhagel des Krieges wachruft.

Was ihre soziale Umwelt zuweilen als Verrücktheit abstempeln mag, macht für die Leidenden subjektiv gesehen Sinn: so die Flucht vor angsteinflößenden Erinnerungen. Bereits die Fernsehnachrichten von aktuellen Bombenangriffen können alte Ängste wiederbeleben. Für Menschen, die den strengen Winter 1946/1947 als Schulkinder erlebt haben, war es häufig unmöglich, auf der Schulbank zu sitzen, derart schlimm quälte sie der Hunger. Kein Wunder, dass sich dies in ihrem Körpergedächtnis eingebrannt hat. Ein nicht leer gegessener Teller – absolut tabu!

Bei den Zuhörern kam natürlich die Frage auf, wie man am besten mit kriegstraumatisierten Menschen umgehen sollte? Sie ständig mit der Realität zu konfrontieren, um ihre Abweichungen deutlich zu machen, sei wenig hilfreich, sagt Udo Baer. (Übrigens hat der knapp 70-jährige Referent den Zweiten Weltkrieg nicht selbst erlebt. Seine Tante hingegen wurde durch ihre Hungererfahrung im Krieg derart traumatisiert, dass sie bis zum Lebensende 600 Marmeladengläser in ihrem Keller hortete!) Traumata lassen sich zwar nicht auslöschen, aber lindern. Zuhören sei sehr wichtig, weil es das Gefühl des Allein- und Verlassenseins erträglicher werden lässt. Auch wenn Zuhören auf lange Sicht schwer ist, rät Udo Baer: „Seien Sie mutig darin, andere zu trösten. Und fragen Sie nach, was Menschen jeweils guttut.“

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